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BeitragVerfasst: Di 01 Sep, 2015 8:40 
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Registriert: Fr 06 Jan, 2006 21:29
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Guten Morgen, zusammen:

Die Wies'n-Zeit rückt näher und damit auch ein weiteres Kleidungsstück, dessen Aufstieg in "unsere" Periode fällt und die eine sehr interessante und wechselvolle Entstehungsgeschichte hat: Die Trachtenlederhose. Während wir über das Gegenstück, das Dirndl, bereits an anderer Stelle gesprochen hatten, fehlte dieser Verweis bislang.

Schaut man sich im Netz um, so sind sich die Gelehrten nicht über alle Aspekte zur Krachledernen einig, und auch der Wikipedia-Artikel zum Thema ist nicht in allen Punkten ganz schlüssig. Nach dem Lesen dieser Artikel und der am Ende aufgeführten Inhalte gelange ich zu diesen Schlussfolgerungen:

Lederne Bekleidung ist bei uns seit Jahrhunderten bekannt, und im alpinen Raum wird sie seit jeher geschätzt, um den Belastungen des Landlebens standzuhalten. Allerdings darf man sie sich noch lange nicht in der heute bekannten schicken Form samt Stickereien vorstellen, die ledernen Beinkleider entsprachen anfangs eher den Pumphosen aus dem Mittelalter oder der frühen Neuzeit.

Der Aufstieg der Lederhose hat sicher mit dem Adel zu tun, denn im 18. Jahrhundert war die Kniebundhose (culotte) das Erkennungszeichen schlechthin für die Oberschicht. Prompt setzten die Revolutionäre (=Sansculotten) in Frankreich alles daran, sie durch die heute bekannte, lange Hose (Pantalons) zu ersetzen. Aber auch nachdem dieser Spuk 1815 vorbei war (und in Europa eine Restauration eingesetzt hatte), blieb die Kniebundhose in Gebrauch - z.B. bei Pagen, bis diese schließlich durch den Butler englischen Typs ersetzt wurden.

Zu dieser Zeit (ab etwa 1820) erfahren auch die ersten Lederhosen eine größere Verbreitung, wobei es umstritten ist, ob nun die Landbevölkerung die Schnittmuster der Oberschicht übernahm - oder aber, ob der Adel eigene Schnitte mit einer romantisierten Vorstellung vom bäuerlichen Landleben modisch vereinigt hat. Das passierte gerade zu einer Zeit, in der sich die lange Hose in der Bevölkerung etabliert hatte und außerdem Loden zu einem bevorzugten Material der alpinen Bekleidung geworden war.

Entsprechend stieß die kurze Lederhose auf jahrzehntelange Ablehnung seitens städtischer wie ländlicher bürgerlicher Kreise, und der Eintritt etwa in die Kirche wurde dem Träger lange Zeit verwehrt. Die Vorteile der Lederhose für die Jagd erkannte auch der österreichische Kaiser Franz Joseph I., der sich sogar in Tracht portraitieren ließ - und aufgrund der Beinfreiheit anfangs für Entrüstung sorgte. Die einschneidende Änderung brachte der Dorflehrer Josef Vogl (1848 - 1886) mit einer Petition an König Ludwig II. im Jahr 1883. Ludwig II. und sein Vater Maximilian II. hatten sich bereits über eine bayerische Nationaltracht Gedanken gemacht, und Vogl rannte mit seinem Anliegen offene Türen bei Ludwig II. ein. Der König regte die Gründung von Trachtenvereinen an, deren Aufgabe fortan die genauere Ausgestaltung und Pflege der Tracht sein sollte.

Trotzdem hatte es die Krachlederne noch lange schwer, und eine allgemeine Akzeptanz erfolgte erst im 20. Jahrhundert. Sie ist also in der heutigen Form kein so altes Kleidungsstück wie anfangs vermutet - und so richtig weit verbreitet war sie im Prinzip nur etwa zwischen etwa 1920 und 1960, bevor ihre Stellung wiederum von der aufkommenden Jeans in Frage gestellt wurde.

Mit dem Tourismus und der allgemeinen Begeisterung für das Oktoberfest feierte die Trachtenlederhose (ebenso wie das Dirndl) jedoch ein eindrucksvolles Comeback. Heute gibt es sie für Damen wie für Herren, und in allen Preislagen - in der vergangenen Woche hatten sogar mindestens drei landesweit (gilt für Deutschland) vertretene Discounter die Trachtenlederhose im Angebot.

Weiterführende Links:

Markgraf1830.de

Heimatzeitung.de

Onesprime.de

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 Betreff des Beitrags: Re: Kostüme der Herren
BeitragVerfasst: Mi 03 Feb, 2016 23:30 
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Registriert: Fr 06 Jan, 2006 21:29
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Ich poste den Verweis auf ein Podcast einmal hier, weil der Inhalt sich einerseits etwas von unserem Fachgebiet abweicht - andererseits passt das Thema hier hin, da sich die heutige Anzugmode weitgehend im 19. Jh. entwickelt hat.

Der Rundfunkbeitrag ist schon deshalb interessant, weil nicht nur eine Wiener Schneiderin einige Geheimnisse ihrer Kunst verrät, sondern viele fachliche Aussagen auch unverändert auf historische Anfertigungen zutreffen. Ferner geht es darum, wie sich der Mann über den Anzug definiert, um Rollenverteilung der Geschlechter und Emanizpation. Hörenswert!

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 Betreff des Beitrags: Re: Kostüme der Herren
BeitragVerfasst: Fr 18 Nov, 2016 9:30 
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Registriert: Fr 06 Jan, 2006 21:29
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Schön, dass es auch heute noch Kleidung jenseits der weltweiten Einheitsmode gibt. Neben der alpenländischen Trachtenmode haben auch Anbieter aus Ungarn Kleidungsstücke in Anlehnung an eigene Traditionen im Angebot.

Meine Erfahrungen mit diesen Firmen sind grundsätzlich gut - man bemüht sich rührend, aber mit Englisch oder gar Deutsch kommt man nicht weit. Der Versand ins Ausland (z.B. nach Deutschland) ist auch nicht ganz einfach, da die Beförderungskosten hoch liegen und die Zahlungsmodalitäten vielfach nicht über Bezahldienste stattfinden, die bei uns bekannt sind (z.B. PayPal).

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 Betreff des Beitrags: Kulturgeschichte der Krawatte
BeitragVerfasst: Sa 15 Apr, 2017 19:06 
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Registriert: Fr 06 Jan, 2006 21:29
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Ein Kleidungsstück, welches einstmals unverzichtbar für die Herrenmode war, befindet sich seit einigen Jahren im Niedergang: Die Krawatte. Als Grund wird vielfach die Finanzkrise ab 2008 betrachtet. Heute werden Hemden selbst bei Konferenzen häufig offen getragen - ein weiterer Verfall der Kleiderordnung, wie ich finde.

Aus diesem Grund lohnt sich umso mehr ein Blick auf die bewegte Geschichte der Krawatte. König Ludwig XIV. von Frankreich war ein wesentlicher Förderer, ja ein Krawattenfreak. :lol:

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 Betreff des Beitrags: Re: Kostüme der Herren
BeitragVerfasst: Sa 22 Jul, 2017 22:47 
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Registriert: Fr 06 Jan, 2006 21:29
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Anlässlich des Besuches des britischen Kronprinzenpaars wurde in der Presse die Frage gestellt, ob der Adel auch heute noch tonangebend in der Mode ist.

Ich meine, dass sich die Situation verändert hat. Zwar weiß man in diesen Kreisen nach wie vor, wie stilvolle Kleidung aussieht, aber es ist nicht mehr so wie bis zum 19. Jahrhundert, wo neue Mode von den Höfen in Auftrag gegeben wurde.

So liess sich Edward Albert (als König Edward VII.; 1841 - 1910) von Sachsen-Coburg-Gotha Sakko, Weste und Hose aus exakt dem gleichen Stoff schneidern, und erfand so den modernen Herrenanzug.

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