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BeitragVerfasst: Mi 06 Nov, 2013 21:42 
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Tätlicher Angriff auf Kaiserin Elisabeth in Amsterdam


Am 23. März 1885 wandelte Kaiserin Elisabeth von Österreich über den Rembrandtplatz, als plötzlich ein Mann auf sie zukam. Er schlug mit seinem Regenschirm auf den Fächer ein hinter dem sie ihr Gesicht verbarg. Ein Amsterdamer Polizist griff ein und verhaftete den Angreifer. Die Kaiserin setzte ihren Weg fort, erschrocken, aber ansonsten unverletzt.

"Schaut mal, die ist auf jeden Fall verrückt und denkt, es ist Sommer." Das riefen Amsterdamer Frauen Kaiserin Elisabeth nach, der tragischen Kaiserin, auch bekannt als Sisi, und dank der späteren Verfilmung ihres Lebens heute am bekanntesten als Sissi. "Redet! Fräulein! Ist Ihnen so heiß? ", riefen die Frauen als Sisi mit ihrem Fächer in der Stadt herumlief, einer genialen fächerförmigen Konstruktion aus Leder, die sie speziell anfertigen hatte lassen, zur Abschirmung.

Die Straßenkommentare wurden während ihrer Spaziergänge durch die Stadt aufgezeichnet von Hofinspektor C. Batelt von der Amsterdamer Polizei. Er war, zusammen mit einem Kollegen, von Bürgermeister Van Tienhoven persönlich abgestellt, verantwortlich für die kontinuierliche Überwachung des hohen Gastes. In seinem Buch „Duister Amsterdam“ (Dunkles Amsterdam, 1911) erzählt Batelt, wie die Dame mit dem Fächer in dem düsteren Monat März des Jahres 1885 viel Aufsehen erregte in der Stadt.
Gewöhnlich blieb es bei Kommentaren von Passanten die zur Erleichterung Bartelts die Kaiserin sowieso nicht verstand und er nicht eingreifen musste. Wenn nötig hielt die Polizei die Amsterdamer auf Abstand. "Einmal jedoch musste ich eingreifen, auf dem Rembrandtplatz, als ein ungehobelter junger Mann einen Klaps auf den Fächer gab, sodass die Kaiserin erschrocken zurückwich. Unbemerkt nahm ich den jungen Mann am Arm und übergab ihn der Polizeistation am Rembrandtplatz."

Auf dem Weg zum Arzt
Sisi war in Amsterdam wegen ihrer Gesundheit. Sie bewohnte außer ihren Räumen im Amsterdamer Doelen Hotel noch eine weitere Unterkunft in Zandvoort, weil sie das Meer liebte. Sie litt offiziell an Ischias und "Nervenschmerzen" in den Füßen, aber ihre Biographen gehen davon aus, dass es noch andere Gründe gab. Sie war ausgesprochen mager, und basierend auf den Symptomen ihrer Krankheit dachte man an Hungerödeme und Anorexia nervosa (nervlich bedingte Appetitlosigkeit - das was man heute als Magersucht bezeichnet, Anm. von waldi).

Als sie auf dem Rembrandtplatz angegriffen wurde war sie wegen einer medizinischen Behandlung auf dem Weg von ihrem Hotel zu ihrem Arzt im Amstelhotel. Sie wurde täglich von dem Arzt Johann Georg Mezger behandelt, dessen Praxis im Hotel die zahlungskräftigen Patienten aus ganz Europa wegen seiner wundersamen Heilkünste anzog. Sisi war vorher schon zu einer Kur bei ihm in Amsterdam im Frühjahr 1884 gewesen.

Die Kaiserin fiel auf in Amsterdam, aber das kam nicht durch auffällige Allüren oder pompöses Verhalten. Sie ist inkognito, einfach gekleidet durch die Stadt gezogen und wurde von einer Hofdame begleitet. Was auffiel, war, dass sie wirklich alles zu Fuß bewältigte. Der Spaziergang der Kaiserin von Österreich hatte nichts mit dem gemein was die Amsterdamer als Bummeln oder um "einmal um den Block gehen" kannten. Sie ging in hohem Tempo, bei Wind und Wetter und vor allem: über lange Distanzen.

Unmittelbar nach Ankunft zu ihrem ersten Besuch im Frühjahr 1884 gingen Sisi und ihre Hofdame Landgräfin Fürstenberg vom Doelen Hotel zum Amstelhotel für ein erste Unterhaltung mit Dr. Mezger. Von dort gingen sie zu Fuß durch den Zoo, besichtigten ihn ausgiebig und gingen dann über die Prins Hendrikkade und Geldersekade und über das Trippenhuis auf den Kloveniersburgwal. Sie besichtigten eine Diamantschleiferei in der Nähe des Zwanenburgwal und gingen am Nachmittag auf einem Umweg zu Fuß zurück zum Doelen Hotel. Das war nichts im Vergleich zu den Reisen die sie machte, als sie die Stadt später verlassen hatte. Sie ging mühelos von ihrem Hotel in der Doelstraat zum Sloterdijk und fuhr dann zurück mit den Dampfstraßenbahn. Ihr niederländischer Rekord war ein Spaziergang am Strand von Zandvoort nach Scheveningen. Hofinspektor Batelt und seine Kollegen liefen alle in entsprechendem Abstand mit ihr.

Den Angreifer vom Rembrandtplatz bezeichnete man im "Algemeen Handelsblad" als "ein als Gentleman verkleidetes Individuum". Auf der Polizeiwache auf dem Platz wurde ein offizieller Bericht über ihn angefertigt. Sein Name war Leon Bindshuyden und eine gute Erklärung für seine Tat hatte er eigentlich nicht. Er hatte einen Schlag auf den Fächer getan, weil er das Gesicht der Dame sehen wollte, ohne zu ahnen dass sie die Kaiserin von Österreich war.

Obwohl die Aktion von Bindshuyden natürlich unentschuldbar ist, muss man sagen, dass das Verhalten der Kaiserin schon seltsam anmuten konnte. Nach Angaben von Mitgliedern des Hofes waren ähnliche Vorfälle in anderen europäischen Großstädten die Sisi besuchte keine Ausnahme. Mit ihrem forschen Gang, versteckt hinter Fächern und Sonnenschirmen, machte sie oft auf sich aufmerksam und viele Passanten blieben stehen.

Verzehrende Melancholie
Das sonderbare Verhalten von Sisi auf der Straße hatte seine Ursachen. Ihr Leben war tragisch. Sie verlor zwei Kinder, ihre Ehe mit Kaiser Franz Joseph war eine große Enttäuschung und sie fühlte sich zutiefst unglücklich in ihrer Rolle als Kaiserin. Sie war eine schöne Frau, berühmt für ihren feinen Stil und eine Taillenweite, die weniger als fünfzig Zentimeter maß. Der Preis, den sie für diese Schönheit bezahlte bestand aus zermürbender körperlicher Bewegung und Hungerkuren. Einen großen Teil ihres Lebens verbrachte Sisi mit Reisen, rastlos auf der Suche nach etwas Unauffindbarem und Vergraben in eine verzehrende Melancholie.

Anfang April 1885 verließ Sisi auf ihrer Wanderschaft durch Europa auch Amsterdam wieder. Es ist nicht ganz klar, ob ihre Abreise etwas mit dem Vorfall am Rembrandtplatz tun hatte. Die niederländische Regierung hat sich dafür in Wien entschuldigt.
Es war ihr letzter Besuch in Amsterdam. In der Nacht vom 9. auf 10. September 1898 verstarb die Kaiserin in Genf an den Folgen eines Anschlags. Sie war auf der Straße von dem jungen italienischen Anarchisten Luigi Lucheni angegriffen worden. Die Waffe war diesmal kein unschuldiger Regenschirm sondern eine brutal geschärfte Feile. Luigi Lucheni wurde als Kaiserinmörder weltberühmt. Von Sisis verstörtem Angreifer Bindshuyden auf dem Rembrandtplatz hat man nie wieder gehört.

Quelle: http://www.onsamsterdam.nl/component/co ... maart-1885
Übersetzung: waldi (nach bestem Wissen und Gewissen)

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BeitragVerfasst: Fr 29 Nov, 2013 10:30 
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waldi hat geschrieben:
In der Nacht vom 9. auf 10. September 1898 verstarb die Kaiserin in Genf an den Folgen eines Anschlags. Sie war auf der Straße von dem jungen italienischen Anarchisten Luigi Lucheni angegriffen worden. Die Waffe war diesmal kein unschuldiger Regenschirm sondern eine brutal geschärfte Feile.

Für den sehr interessanten Bericht danke ich dir sehr.
Das hier dürfte m. E. nicht stimmen, was die Tageszeit/Nachtzeit ihres Todes betrifft, wenn du anführst, es sei in der Nacht gewesen. Da hat deine Quelle wohl einen kleinen Fehler gemacht:
Zitat:
In der Nacht vom 9. auf 10. September 1898 verstarb die Kaiserin in Genf an den Folgen eines Anschlags.

Überall ist zu lesen, dass Sisi am Nachmittag verstarb.
Zuerst ging sie noch bis aufs Schiff, fiel dort in Ohnmacht, nachdem sie stammelte, was denn eigentlich mit ihr geschehen sei, und nachdem man sie zurück ins Hotel gebracht hatte, starb sie angeblich gegen "14:40 Uhr nach einstündigem Todeskampf". Quelle der Aussage des letzten Satzes:
http://www.sisi-strasse.info/sisistrasse_d/pages/schweiz.html

PS: Das schnelle Schritttempo, ich fass es nicht, auch das gehört ab heute, nachdem ich das von dir gelesen habe, zu den von mir an anderer Stelle erwähnten gefundenen Übereinstimmungen. Ich kann fast gar nicht anders, als richtig schnell durch die Stadt oder Straßen zu gehen. Aber bemühe mich stets, langsamer zu gehen, eben drum, weil ich nicht auffallen will.

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Wahrheit.
Wer sie sucht, der findet oft nur jenen Teil, den zu suchen er geneigt ist.
Wer von seinem Irrtum zu verlieren sucht, entdeckt mehr von ihr.


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BeitragVerfasst: Mi 29 Jan, 2014 22:35 
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Kollision der kaiserlichen Yacht "Adler" im Strudengau – das Kaiserpaar ist an Bord


Das Kaiserpaar verbrachte den Sommer 1854 in Bad Ischl und bei der Rückreise nach Wien gedachte man das neue Schiff "Adler" in Anspruch zu nehmen. Trotz verschiedener Bedenken wegen des niedrigen Wasserstandes entschließen sich die Verantwortlichen, des Kaisers Generaladjutant Feldmarschallleutnant Graf Grünne und der für das Schiff zuständige Feldzeugmeister Freiherr von Mollinary diese Fahrt durchzuführen.

Am Morgen des 20. Septembers 1854 betritt der Kaiser von Österreich, begleitet von seiner Gemahlin und dem Hofstaat zum ersten Mal seine neue Donaujacht.

Der Wasserstand hat sich etwas gehoben, das Wetter ist schön und der Kaiser guter Laune. Er nimmt sein Schiff in Augenschein und lässt sich alle Details erklären und zeigt großes Interesse für den Schiffsdienst.

Bis Grein verläuft die Fahrt ohne Zwischenfälle. Nach der Passage der Strudenstrecke hat das Schiff am Hausstein Grundberührung und erhält einen kräftigen Stoß. Bei einer näheren Untersuchung stellt man fest, daß das Schiff im hinteren Teil stark Wasser nimmt und so entschloss man sich das Schiff gegenüber von St. Nikola, beim "Seiler im Sand", auf der auch heute vorhandenen Sandbank auf Grund zu setzen. Die hoheitlichen Passagiere können auf das fürsorglich mitgeführte Reserveschiff umsteigen und die Reise fortsetzen. Eine unmittelbare Gefahr eines Schiffsunterganges hat nicht bestanden, da das Schiff in acht wasserdichte Sektionen unterteilt war und nur der hintere Salon in Gefahr stand mit Wasser voll zu laufen.


In seinen Erinnerungen beschrieb später der Freiherr von Mollinary den Vorfall folgendermaßen:

"Als wir uns bei Grein der bösen Strecke näherten, auf welcher der Strom, von steilen Felsenufern eingeengt, durch und über Felsenriffe in Stürzen und Wirbeln dahinbraust, trat auf dem Schiffe eine große Stille ein. Die ganze Aufmerksamkeit der auf ihre Posten verteilten Equipage war auf den Kommandanten gerichtet, der, in der Hand das Sprachrohr, welches damals die Befehle in den Maschinenraum hinab vermittelte, hoch von der Brücke herab abwechselnd den Strom und die Steuerleute überwachte.

Schon war die Mehrzahl der gefährlichen Stellen glücklich passiert, nur noch ein letztes Riff blieb übrig, dort, wo der Strom eine Wendung macht. Plötzlich wird vom Hinterschiffe links ein Rauschen vernehmbar, gleichzeitig erfolgt von gleicher Stelle her ein Ruck, das Schiff hebt sich dort ein wenig, um aber gleich in seine normale Lage zurückzukehren und ruhig in dem nunmehr hindernisfreien Strome weiterzugleiten. Jede Gefahr schien glücklich überstanden.

Der Schiffskommandant jedoch war etwas bleich geworden. Den ersten Leutnant zu seiner Stellvertretung bestimmend, eilte er unter Deck, in der Richtung, von wo der Stoß erfolgt war. Mit einiger Aufregung sah ich seiner Rückkehr entgegen. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis er wieder an Deck erschien. Er sah mich ernst an und nickte, ich wusste genug.

Das von starker Strömung fortgerissene Schiff hatte beim heftigen Streifen eines Riffes ein Leck erhalten, durch welches Wasser eindrang, und zwar, wie der Kommandant berichtete, in solcher Menge, daß der rückwärtige Raum des Schiffes, der Kaiser-Salon, bald voll Wasser sein würde, wenn man nicht gleich das Schiff an einer seichten Uferstelle zum Stranden bringe."


Herr Franz Wanninger, Oberlotse i. P. bei der Dampfschiffahrtsgesellschaft in St. Nikola, welcher im Jahre 1903 sein 50-jähriges Dienstjubiläum beging und zu diesem Anlass zahlreiche Ehrungen erfuhr, erzählte damals über die Havarie folgendes:

"Bei der Passierung des Strudens kam der Dampfer, auf dem sich der hohe Gast befand, einer bei dem niedrigen Wasserstande seicht gelegenen Felsenspitze, dem sogenannten "Roß", zu nahe, so daß der Dampfer beim Steuer ein Leck erhielt, worauf sofort in den Hinterraum des Schiffes Wasser eindrang. Das Schiff fuhr aber mit voller Kraft weiter und der Kapitän ließ es knapp unterhalb des Haussteins am rechten Ufer – die Stelle führt den Namen "Am Sand" – ans Land laufen. Die Kaiserin bestieg sodann mit ihrer Begleitung das nachfolgende Dampfschiff ,"Hermine", das ohne Unfall den Struden passiert hatte. Auch das Gepäck und Küchenutensilien wurden auf das genannte Schiff übertragen. Herr Wanninger befand sich damals auf der "Flora", welches Schiff als drittes nach der ,"Hermine" fuhr und deren Mannschaft dann bei den Arbeiten der Gepäcksübertragung half."

Quelle: Aufzeichnungen von Hr. Christian Seyr auf der HP des Tourismusverbandes von St. Nikola an der Donau
http://4381strudengau.wordpress.com/201 ... t-an-bord/


Infolge dieses Erlebnisses ordnete Kaiser Franz Joseph die Beschleunigung der schon begonnenen Sprenung des "Haussteins" an.
An der Stelle am Ufer wo sich früher der Hausstein befand hat man eine kleine Kapelle errichtet und am Felsen darüber eine Denkschrift angebracht.
Die in die Steintafel oberhalb der Kapelle eingemeißelte Inschrift berichtet davon:

Kaiser Franz Josef
befreite die Schifffahrt von den Gefahren im Donau-Wirbel
durch Sprengung der Hausstein Felseninsel
1853 – 1866


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Foto: waldi 2009


Liebe Grüße von waldi

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 Betreff des Beitrags: Nachruf von Carmen Sylva
BeitragVerfasst: Di 14 Okt, 2014 20:03 
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Gefunden in einer alten Zeitung.

Kaiserin Elisabeth in Sinaia

von Carmen Sylva


Mit ihren wunderbaren Märchenaugen, die aussahen wie Edelsteine, wie das Meer, sah sie mir so gerade ins Gesicht, daß ich nicht im stande gewesen wäre, der Wahrheit auch nur das leiseste Mäntelchen der Konvention umzuhängen. Sie dachte so kühn und so frei und sagte, was sie dachte, in so reizender Form, daß man oft nicht gleich den Humor und den Schalk entdeckte, weil es so trocken herausgekommen war.

Beim ersten Diner sagte sie zu mir: „Ich habe nicht meine Friseurin mitgebracht, sondern die von meinen Schwestern,“ und als ich sie fragend ansah, fuhr sie in demselben Ton fort: „Von den Königinnen und Prinzessinnnen von der Bühne!“ Ich hätte gern laut aufgelacht vor Freude, daß sie ihre Stellung von der Seite ansah und auf das Aeußere derselben so wenig gab. Sie haßte Etikette und all das Zeug, das man im Laufe der Zeiten unserer Würde hat umhängen wollen, als wäre sie schon so nicht schwer genug. Und als ich zu ihr sagte: „Deine große Schönheit hilft dir nicht und nimmt dir keine Schüchternheit fort!“ antwortete sie: Ich bin nicht schüchtern, es langweilt mich nur! Da hängt man mir schöne Kleider um und vielen Schmuck, und dann trete ich hinaus und sage den Leuten ein paar schöne Worte, und dann eile ich in mein Zimmer, reiße das alles ab und schreibe, und Heine diktiert mir!“

Ja, ihr Heine-Kultus war schön! Es war so beherzt von ihr, als Deutschland sich die Schmach antat, einem seiner größten Dichter das Monument zu verweigern, mit dem es sich selbst geschmückt haben würde, es allein zu machen, und sie stellte es in die Sonne und vor das Meer, wo es in Wirklichkeit hingehörte! Sie fand eben in Heine die Verachtung der Aeußerlichkeiten, die sie so tief empfand, sie fand die Bitterkeit, mit der ihr schweres, einsames Schicksal sie erfüllte, und den Schalk, der ihr selbst in dem Nacken saß und ihr so originelle und überraschende Aeußerungen entlockte.

Sie sagte nie etwas Gewöhnliches, Erwartetes oder Hergebrachtes, sondern gerade, was man nicht erwartete, das sagte sie. Als ich ihr dankte, daß sie uns besuchte, da sie das so äußerst selten tat, und meinte, es hätte ja weiter keine Konsequenzen, da sie nur zu sagen brauchte, sie ginge nicht tiefer als dreitausend Fuß (und kein anderes Schloss liegt tausend Meter über dem Meere), da sagte sie rasch und zwischen den Zähnen: „Ich habe auch gern Menschen, die dreitausend Fuß über den anderen sind!“

Ich merkte erst gar nicht, was sie eigentlich gesagt hatte, weil es so rasch und nebenbei kam, wie eine Seitenbemerkung von keiner Bedeutung. Sie dachte weit und kühn und groß und ganz außerhalb der betretenen Wege, wie sie auch gern weit hinausging auf unbekannten Wegen und sich in die Natur versenkte.

Ihren Strahlenblick, als ich ihr früh um 5 Uhr bei unserm Spaziergang im Walde die Manole-Legende und meinen Plan zu meinem Drama erzählte, werde ich nie vergessen! Dann erzählte sie mir, daß sie auch schriebe, aber alles verborgen hielte bis fünfzig Jahre später, wenn sie schon lange gestorben sei. Sie wolle nicht, daß irgendjemand es sähe, was sie schrieb! Es wird eine Enthüllung sein über diese Frau, die so wenige gekannt, aber diese wenigen haben sie abgöttisch verehrt und geliebt, diese wenigen wußten, was für eine tiefe Denkerin sie war, und wie sie den Tand verachtete und allen Schein und Unwahre.

Sie besuchte gerne Irrenhäuser, ich glaube in der Hoffnung, dort ungeschminkte Natur zu finden. Sie dachte, wenigstens dort sei keine Heuchelei! Es war sehr natürlich, daß sie unter allen Dichtern Heine am liebsten haben mußte, weil er eben auch so verzweifelt ist über alle Unwahrheit der Welt und gar nicht genug Worte findet, um das Hohle zu geißeln! Sie konnte es unserer Stellung nicht verzeihen, daß wir so viel mit Schein und Unwahrheit zu tun haben und so schwer auf den Kern durchdringen können. Sie konnte es nicht überwinden, daß die Menschen uns olympisch sehen wollen und es nicht gern haben, daß wir weinen und seufzen wie sie. Sie haben uns hoch gestellt, damit wir immer lächeln sollen und ihnen das Gefühl der Sicherheit geben, daß man auf Erden heiter sein kann. Aber eben darin liegt schon eine unerbittliche, grausame Lüge. Wir leiden geradeso wie Shylock, und da hilft kein menschliches Piedestal!

Gott findet unsere Herzen und trifft sie ebenso schwer wie die der anderen armen Menschen, und sie winden sich in Qual und sollen dann immer noch heitere Ruhe zur Schau tragen. Dagegen lehnte sie sich auf mit aller Kraft. Es war eine so ungeheure Kraft in ihr. Es war, als müßte sie austoben, was zu viel da war, mit Reiten und Gehen und Reisen und Schreiben, alles so viel als irgend möglich, nur um dem Druck der Verhältnisse zu entrinnen. Sie wollte nicht Pegasus im Joch sein, sie wollte zeigen, daß sie Flügel hätte, und das haben ihr viele verargt. Man wollte sie lieber im Joch sehen als frei und unabhängig; man wollte das herrliche Geschöpf schmachten lassen unter dem Druck unerträglicher Langeweile.

Denn alle diese Parade ist doch wirklich tödlich, wenn man nicht mit Riesengewalt Geist hineinströmt. Aber wenn man stundenlang auf demselben Platz lächelt, dann bleibt wenig Geist mehr im Gehirn, man ist müde und kann nicht mehr, geradeso wie die anderen Menschen, die auch nicht geistreicher werden, wenn sie vier bis fünf Stunden auf demselben Platze gestanden haben. Sie fand das einen unerträglichen, unnötigen Zeitverlust, sie wollte alle diese Schranken durchbrechen, denen sie keine Notwendigkeit und keinen Wert absah. Sie wollte an die Seelen kommen. Darum war sie so gerne in Ungarn, weil sie dort lange nicht so behindert war durch veraltetes Formenwesen, sondern die Kinder kamen ihr entgegen mit ausgestreckten Händchen: „Guten Tag, Frau Königin!“

Sie fühlte die starke, junge, aufströmende Rasse in Ungarn und freute sich daran. Sie freute sich an allem, das wie sie sich streckte und empor wollte aus dem Alltäglichen und Kleinen und neue Bahnen gehen, neue Kräfte zeigen. Sie tat Gutes, wohin sie kam, sie half allenthalben, Künstlern und Armen, Gelehrten und Betrübten. Ich sah das Mitleid in ihrem Gesicht und die tiefe, warme Sympathie wie einen Quell, ich sah die ganze Schönheit dieser Seele in ihrer wundervollen Hülle! Es war grausam vom Schicksal, sie so zu beengen durch die Verhältnisse, gegen die sie zuerst nicht aufkommen konnte bei ihrer allzu großen Jugend. Aber ihren Gedankenflug konnte man nicht hemmen; sie wollte wissen.

„Die Natur ist sehr grausam!“ sagte sie zu mir, bei einem der Spaziergänge, bei denen wir am meisten sprachen, da uns niemand hörte. Während man ihr wundervolles Haar kämmte, sah sie es gar nicht an, es lag fast auf der Erde neben ihr, in lauter Ringeln von oben bis unten; sie aber las und schrieb und war in Gedanken versunken, während man ihren schönsten Schmuck pflegte und ordnete. Doch hielt sie sehr darauf und freute sich an dieser Pracht, aber in ihrer eigenen Weise. Gott hatte ihr ein natürliches Diadem auf die Stirn gelegt und sie trug es erhobenen Hauptes, wie ein seltenes stolzes Tier, das sich seiner Schönheit freut.

Auch hierin war sie so vollkommen wahr und natürlich, nicht ein Hauch von etwas Gemachtem in einer Regung ihrer Seele. Man hätte gern in ihre einsamen Stunden hineingeblickt, in denen sie nur Gedanken Audienz gab. Sie hatte sich von vielem befreit, nur um besser denken zu können und um den Menschen zu lehren, daß es auf das Aeußere nicht ankommt. Sie scherzte so lieblich und hatte etwas Berückendes in dem Grübchen am Kinn und dem reizenden Lächeln, das um die ernsten Augen spielte. Sie ging immer ohne Handschuhe im Freien und am meisten ohne Hut. Sie wollte Sonne und Luft haben für ihr schönes Haar, das golden schimmerte im Glanz der Morgensonne, so viele goldene Fäden durchzogen das braune, weiche Haar, das am Nacken sich in allerliebste Löckchen kräuselte. Ihre Stimme war tief und verschleiert, wie von jemand, der selten und wenig spricht und die Stimme aus merkwürdigen Tiefen hervorzuholen scheint.

Mit langem, elastischem Schritt stieg sie die Berge hinan und stand und betrachtete schweigend die Aussicht und freute sich an Gottes Schöpfung, wie ein Kind sich freut, so ganz ohne Nebengedanken, ganz dem Eindruck hingegeben. Und dann sprachen und sprachen wir weiter stundenlang, der Faden riß nicht ab, denn jeden Augenblick entdeckten wir neue Sympathien! Ach! Ach! Und dann sah ich sie so lange nicht! Erst nach der furchtbaren Katastrophe, daran ihr armes Herz brach! Ich wagte nur leise, sie zu fragen, ob sie sich noch manchmal wider das Schicksal auflehnt. Sie antwortete ganz ruhig: „Nein, ich bin von Stein!“ Als sie durchaus nicht leiden wollte, daß die Geheimpolizei sie auf Schritt und Tritt begleitete, sagte der Präselt von Nizza zu ihr, es sei für ihn eine zu große Verantwortung bei ihrer hohen Stellung. Da bat sie ihn so, ihre Stellung zu vergessen, und fügte hinzu: „Je ne suis qu’une pauvre femme. qui pleure son eclant!“

Ich habe die tiefste Ueberzeugung, daß sie den Tod gefühlt hat, aber nichts gesagt, damit der Arme entkäme der sie getroffen. Er sollte nicht gefangen und mißhandelt werden, denn ihr war der Tod so sehr willkommen! Nie hätte sie gestattet, daß man den verfolgt hätte, der ihn ihr so leicht und schmerzlos gegeben! Sie hatte sich ja immer gewünscht, plötzlich zu sterben. Nichts wird es mir aus dem Kopfe nehmen, daß sie ganz gut gewußt hat, was sie traf, und daß das Mitleid, das ihr ganzes Leben verschönt hat, noch in der Todesstunde die Oberhand behalten hat. Wenn man nicht glaubte, daß Gott auch die Mörderhand führt, wenn er einem seiner Kinder die Bitterkeit des Todes ersparen will, dann müßte man verzweifeln! Aber hier ist es zu offenbar, wie gut es Gott gemeint hat, und wie leise der Tod an sie herangetreten, fast unsichtbar, unscheinbar, und sie vor all dem schrecklichen Pomp und der Qual bewahrt hat, in der die heutigen Aerzte so viel Kunst gefunden zu haben glauben, in der Verlängerung der Agonie. Sie mußte so einfach sterben, wie sie gelebt, auch da keine Schaustellung, keine Vorbereitungen, kein Kopfschütteln und Harren gedankenloser, teilnahmsloser Menschen, für die das Ableben der Großen nur ein Verändern ihrer eigenen Lage bedeutet. Es war lauter Einfachheit und Ruhe dabei, man konnte ihr ihre Sterbestunde nicht vergiften, es kam so still und sanft, wie ihre Stimme, wie ihr ganzes Wesen! Nur für die Welt erschien es grausam und entsetzlich, für sie nicht, für sie war es schön und still und groß, im Anblick geliebter, großer Natur, schmerzlos und friedlich.

Sie gab uns Frauen auf den Thronen der Welt das herrliche Gefühl, daß wir die Gefahr teilen dürfen und nicht ausgeschlossen sind, sondern ebenso beherzt sein dürfen als unsere Männer. Es war sehr schön. Das haben die Menschen gar nicht verstehen wollen. Ich aber, ich wußte, wie dankbar sie für ein solches Ende gewesen ist und wie sie deshalb den armen Teufel hat entschlüpfen lassen wollen, statt ihn ewiger Kerkerhaft zu überantworten. Sie war viel zu klar und viel zu sehr bewandert in Naturkunde und Medizin, um nicht zu wissen, daß sie tödlich getroffen war. Aber für sie war kein Schrecken dabei, für sie schlug die Erlösungsstunde mit Feierklang.

Es ist nicht allen Menschen angenehm, im Kreise zahlreicher Leidtragender den Geist aufzugeben und von allen möglichen Zeremonien noch im Sterben umgeben zu sein. Manche sterben gern noch schön für die Welt, das hätte ihr gar nicht ähnlich gesehen. Sie wollte gar nichts sein für die Welt, auch im Sterben nicht. Sie wollte einsam sein und auch ebenso unbemerkt die Welt verlassen, durch die sie so oft dahingeschritten war, Ruhe suchend, in ihrem rastlosen Drängen nach Höherem und Vollkommenerem.

Sie sagte mir, sie möchte immer fahren, fahren, fahren, und die Welt sei zu eng und zu klein! Was war ihr großes Reich, wenn doch die Erde zu eng war ihrem Geistesfluge. Die Stellung erschien ihr nicht hoch, sondern unsäglich menschlich klein. Die Märchenaugen sahen tief in dias Innere der Dinge hinein; man hatte das Gefühl, daß sie mit Bergmännchen und Elfen im innigen Verkehr stehen müßte. Und dabei das klare, scharfe Urteil über alles! Sie war ihrem Gatten die vertrauteste Freundin, auch wenn sie nicht bei ihm war, im regen, unablässigen Briefwechsel teilte sie ihm ihre Anschauungen mit. Und das wußte wiederum niemand. Manche, die sie kritisierten und meinten, sie versäume manches, wußten nicht, daß sie ihrem Gatten mehr war als viele, die immer dastehen und aussehen, als wären sie eine Hilfe. Sie verlangte in nichts, gar nichts nach der Anerkennung der Welt, die sie ganz und gar verachtete. Ihre Treue weckte Treue!

Alle, die ihr nahe standen, fühlten den warmen Strahl ihrer Liebe und Güte. Oft, wenn ich in Sinaia das Zimmer betrete, das sie bewohnte, freut es mich, daß sie dagewesen! An unserem Eßtisch denke ich jeden Tag: Hier hat sie gesessen und mir leise all die originellen Dinge gesagt, von denen niemand um uns her eine Ahnung hatte. Ich sagte auch alles genau so, wie ich es dachte, ohne Umschweife. Wozu Umschweife bei diesen Augen und diesen kurzen, klaren, einfachen Sätzen, die schlagend antworteten.

Da wollten Menschen ein Feenkind einpanzern, in die Qual der Etikette und der steifen, toten Formen, aber Feenkind läßt sich nicht einsperren, bändigen oder knechten, Feenkind hat heimliche Flügel, die es immer ausbreitet und davonfliegt, wenn es die Welt unerträglich findet! Die wunderbare, verhaltene Glut in diesem Blick!

Die Menschen haben durch das Formenwesen, das sie gewohnt sind, sich um das Aufleuchten dieser Augen gebracht, die sie hätten sehen können, wenn sie ihrer Kaiserin hätten ganz einfach nahen können, ohne all diesen Prunk, ohne all diese Barrikaden um sie her. Wie sprach sie liebevoll zu denen, die unglücklich waren oder deren Werk sie bewunderte. Ihre strahlende Schönheit hat manche so hingerissen und berauscht, daß sie vergaßen, nach der noch viel schöneren Seele zu suchen und sich an diese zu wenden.

Sie war eine Natur, die kein Leid überwinden konnte. Es blieb tief und ewig, wie in einem Brunnen. Das kleine Töchterchen, bei dessen Tod sie gefehlt, wie blieb der Schmerz so heiß und ungetröstet, und wie schossen ihr Tränen in die Augen und Glut in die Wangen, wenn sie nur von fern daran rührte.

„Es gibt Dinge,“ sagte sie, als sie mich in tiefer Trauer wiedersah, „über die man am besten schweigt!“ Und dabei standen ihre wundervollen Augen voll Tränen! Diese Teilnahme hat mir mehr gesagt als viele und lange Worte.

Man ist geneigt, einem Menschen der Pflichtvergessenheit anzuklagen, sobald er nicht im Rade, in der Tretmühle, in der alten Wasserpumpe laufen will, welche die Sitte für diese Kaste oder für jene Kategorie von Menschen erdacht. Nun hat einer einmal den Mut, anders zu sein, zu denken und zu handeln, da wird er beinahe gesteinigt von denen, die anders nicht gehen können als in der Tretmühle. Ich sage immer: „Die Mode ist für die Frauen, die keinen Geschmack haben, die Etikette für die Menschen, denen es an Erziehung fehlt, die Kirche für Menschen, denen es an Religion gebricht, die Tretmühle für diejenigen, die keine Phantasie oder Spannkraft haben!“

Pegasus kann aber nicht im Joch gehen, er wird es unfehlbar in Stücke sprengen, denn es ist ihm einfach unmöglich. Pegasus hat Flügel, und das vergessen die Menschen so gern, und wenn sie nicht tapfer gefaltet bleiben, so möchten sie sie am liebsten ganz beschneiden, so daß sie sie nie mehr tragen können, nie mehr die Weite umspannen, nie davonfliegen, dahin, wo der Pöbel nicht folgen kann. Aber der Pöbel ist nicht der Besitzer eines edlen Geschöpfes, auch wenn es seine Kaiserin ist. Der Pöbel hat nichts mit dem Feenkinde gemein und sollt sich begnügen mit einem Lächeln. Ich meine den Pöbel im weitesten Sinne, den Pöbel der Seele und des Geistes natürlich, nicht die Gemeinschaft von Menschen, die dichtgedrängt stehen und mit Tränen in den Augen einen Gruß hinnehmen wie ein Geschenk, das ist kein Pöbel! Das ist kein Pöbel, wenn alle Herzen zittern in Liebe und Freude und den Gruß aus den schönen Augen fühlen wie eine Gottesgabe, für die sie nicht umsonst Opfer gebracht haben. Zwischen der Landesmutter und dem Volke sollte eben niemals Pöbel stehen, es sollte sie ganz nahe haben, ganz lieb haben dürfen und nicht in verkehrte Auffassungen hineingeschraubt werden.

Wenn ein Volk das Opfer bringt, eine Landesmutter haben zu wollen, dann soll es auch die helle Freude an ihr haben, aber auch ihr Leid teilen und nicht verlangen, daß sie noch immer lächeln soll, wenn das Blut ihr leise vom Herzen herunterrieselt.

Es war alles groß an dieser Frau, ihr Gang, ihr Haar, ihre Gedanken, ihr Blick, der Klang der tiefen, weichen Stimme, die so verhalten war, als wären Wellen von Leidenschaft dahinter. Ich habe nie lesen mögen, was andere über sie geschrieben haben. Ich wollte meinen eigenen Eindruck von ihr ungestört behalten und meinen Schwarm nicht geschmälert haben durch anderer Leute Auffassungen.

Als sie tot war, da sagte man: „Und diese Frau hat doch nichts anderes als lauter Gutes getan, wohin sie den Fuß setzte!“ Das war ihr Nachruf, das war, womit man sie beweinte. Und nun wachsen Monumente ihr nach aus der Erde, und da steht sie noch in ihrer einfachen Ruhe und Größe, prunklos, aber hehr!


Liebe Grüße von waldi

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BeitragVerfasst: Do 16 Okt, 2014 8:30 
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Hallo Waldi,

habe den Artikel mit großem Interesse gelesen. Es handelt sich zwar überwiegend um einen Nachruf auf eine offensichtliche Seelenverwandte, wie auch um eine Klarstellung damals vorhandener Vorstellungen über die Kaiserin in der Öffentlichkeit, doch folgendes liess mich aufhorchen:

Carmen Sylva hat geschrieben:
Und dabei das klare, scharfe Urteil über alles! Sie war ihrem Gatten die vertrauteste Freundin, auch wenn sie nicht bei ihm war, im regen, unablässigen Briefwechsel teilte sie ihm ihre Anschauungen mit. Und das wußte wiederum niemand.

Es handelt sich um einen nicht zu unterschätzenden Punkt, denn ich interpretiere diese Aussage dahingehend, dass Kaiserin Elisabeth doch mehr in die Regierungsgeschäfte Kaiser Franz Josephs eingeweiht war, als es die Biographen der Nachwelt beschrieben haben. So beschrieb die auch in diesem Forum schon mehrfach zitierte Autorin G-PB Elisabeth in einem ihrer Bücher als "schreibfaul" (Zitat).

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Rote Husaren die reiten, die reiten niemals, niemals Schritt. Herzliebes Mädchen, Du kannst nicht mit. (Hermann Löns)
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BeitragVerfasst: Do 16 Okt, 2014 14:52 
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Ich glaube, das "schreibfaul" muß man relativ sehen. Denn besonders die Adeligen haben in der k.u.k Zeit unglaublich viele Briefe geschrieben. Einen großen Teil des Vormittags (oder des Tages) haben sie der Korrespondenz gewidmet, Briefe gelesen und geschrieben. Damals gab es nicht so viele Amts- und Geschäftsbriefe, geschweige Werbung, wie heute, trotzdem kamen die Briefträger öfters am Tag, auch wegen der vielen Privatpost (in meiner Kindheit kam der immerhin noch vormittags und nachmittags). Am Anfang hatte Elisabeth die vielen Briefe von Franz Joseph mehrmals in der Woche beantwortet. In den späteren Jahren meist nur einmal pro Woche. Franz Joseph hatte ihr oft in Briefen neben privaten Ereignissen auch seine politischen Sorgen mitgeteilt.

Zu den Anekdoten will ich auch was beitragen. Das österreichische Zeitungsarchiv ANNO ist hier fast allen bekannt. Aber auch das Fürstentum Liechtenstein hat ein solches, welches Zeitungen ab 1863 eingescannt hat: http://www.eliechtensteinensia.li/

Und so findet man im Liechtensteiner Volksblatt vom 30.9.1898 auf den Seiten 1-3 anlässlich ihres Todes einige nette Anekdoten, von denen ich eines zitiere:

Eine liebliche Episode aus Gastein wird, wie folgt, erzählt. Beim Ausstieg in das Naßfeld traf Kaiserin Elisabeth eine alte Bäuerin, welche einen Knaben an der Hand führte. Die Kaiserin fragte die Frau, ob es noch weit nach dem Naßfelde sei, worauf diese in Mundart der Bergbewohner erwiderte: „Wolter (ziemlich) weit!" Die Kaiserin erkundigte sich nun, woher die Bäuerin komme und wohin sie gehe. Diese erzählte redselig, sie komme von „hinter Mittersil" her und gehe nach Gastein, um die Kaiserin zu sehen. Auf diese Antwort lächelte die Monarchin und ließ der Bäuerin durch die Hofdame Majlath* eine Fünfgulden-Note als Reisegeld reichen. Ueberrascht meinte die Beschenkte: „Seid's heili recht nobliche Leut'!?" Die Kaiserin lächelte abermals und sagte, mit der Hofdame den Weg 'fortsetzend: „Das werden Sie bald erfahren!"

*(Sarolta Majláth, Jahrgang 1856, war 1883-1890 eine Hofdame Elisabeths)


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BeitragVerfasst: Fr 22 Mai, 2015 23:53 
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Puppenkauf in Amsterdam

In Amsterdam erlebte die Kaiserin diese ergötzliche Episode.
Eines Tages betrat sie einen Spielzeugladen und kaufte eine reizende Puppe. Dabei bemerkte sie zu ihrer Hofdame: "Ich denke, meine kleine Enkelin wird sich freuen."
Der Ladenbesitzer, der die Kaiserin nicht kannte und kaum glauben konnte, daß sie schon Großmutter sei, machte eine leise diesbezügliche Bemerkung. Dann sah er mit Bewunderung die Gestalt der Kaiserin an und sagte: "Die gute Dame spricht unmöglich im Ernst, die gute Dame kann noch keine Enkelkinder haben."
Kaiserin Elisabeth lachte gutmütig und sagte: "Wirklich, ich bin schon viermal Großmama, und um es Ihnen zu beweisen, werde ich nächstens wiederkommen und Spielzeug für meine anderen drei Enkel kaufen, welche Sie direkt meiner Tochter Gisela, nach München senden sollen."
Der arme Kaufmann war ganz verwirrt, er bat ehrerbietig um Verzeihung für seine "große Unart", wie er sich ausdrückte, aber die Kaiserin beruhigte ihn und meinte lächelnd: "Sie waren nicht unartig, Sie waren nur sehr artig - Adieu."

Quelle: Illustrierte Zeitung vom 09. Juni 1907


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BeitragVerfasst: Di 02 Jun, 2015 22:21 
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Die Geschichte vom Loserlied

von Hofopernsänger Anton Schittenhelm

Am 26. Juli 1890 erhielten die Mitglieder der k. k. Hofoper, die Herren Koschat, Bruckner, Fochler und meine Wenigkeit, von dem Generalintendanten Freiherrn von Bezecny die Einladung, in seiner Wohnung ein Männerquartett, "Loserlied" betitelt, zu probieren. Nach erfolgter Probe wurde uns eröffnet, daß wir uns bereitzuhalten haben, sobald an uns der Ruf ergehe, nach Ischl abzureisen, wo wir das Quartett in der kaiserlichen Villa zum Vortrage zu bringen hätten.
In Ischl angelangt, wurden wir zum Obersthofmeister Fürsten Hohenlohe geführt, der uns die Mitteilung machte, daß der Vortrag des Quartetts "Loserlied", dessen Komposition von einem Münchner Professor namens Girl herrührte, eine von Ihrer Majestät der Kaiserin geplante Überraschung für das junge Brautpaar, Frau Erzherzogin Marie Valerie und Herrn Erzherzog Franz Salvator, sein werde. Auch erfuhren wir, daß der Text des Loserliedes von der Frau Erzherzogin Marie Valerie gedichtet wurde und anläßlich einer Besteigung des Berges Loser bei Aussee seitens der Frau Erzherzogin mit ihrer kaiserlichen Mutter entstanden sei.
Doppelt war jetzt die Begeisterung in uns für die künstlerische Interpretation der Dichtung.
Nun galt es, möglichst unbemerkt in die kaiserliche Villa zu gelangen. Fürst Hohenlohe ordnete an, daß wir in Abständen von hundert zu hundert Schritten ihm auf dem Wege zur kaiserlichen Villa einzeln folgen sollten, was dann auch geschah. Da wir im Festkleide waren, hieß es, sich so unauffällig als möglich zu machen, und so gelangten wir, in unsere Reisemäntel gehüllt, ohne auf Bekannte zu stoßen, zum Tore der kaiserlichen Villa, wo wir einzeln eingelassen wurden.
Wir kamen bis zum gedeckten Gang. Dort fragte Prinz Hohenlohe einen Hofbediensteten, ob er nicht wisse, wo sich augenblicklich Se. Majestät der Kaiser befinde. Der Befragte erstattete dem Fürsten die Meldung, daß Se. Majestät im kaiserlichen Garten spazieren gehe.
Jetzt erst erfuhren wir von dem Fürsten Hohenlohe, daß weder der Kaiser noch irgend jemand von der kaiserlichen Familie von der von Ihrer Majestät der Kaiserin geplanten Überraschung etwas wisse.
"Ich bitte, meine Herren," sagte der Fürst, "sich in das kleine Wäldchen, gleich links der Zufahrtsstraße, zu verfügen und sich möglichst verborgen zu halten, bis ich wiederkomme. Inzwischen werde ich Se. Majestät im Garten aufsuchen und unter irgend einem Vorwand in die Villa zu Ihrer Majestät bitten. Dann komme ich, Sie abzuholen."
Bald darauf erschien Fürst Hohenlohe mit Fräulein v. Ferency, der Vorleserin der Kaiserin, in unserem Verstecke.
Nun kam die Frage an die Reihe: wo Aufstellung zu nehmen, um das Quartett vortragen zu können. Der Vortrag sollte nämlich im Freien stattfinden.
Wir befanden uns in der Nähe eines Seitentraktes der Villa. Vor demselben befindet sich eine Rasenfläche, abgegrenzt durch eine Strauchwerkanlage. Nachdem uns der Balkon, der auf diesen Teil des Gartens vom ersten Stocke hinausführt, gezeigt worden war, auf dem die Allerhöchsten Herrschaften während der Produktion des Quartetts sich befinden würden, glaubten wir, am Rande der Anlage Aufstellung nehmen zu sollen.
"Nein, nein," fiel uns Prinz Hohenlohe ins Wort: "Sie dürfen ja gar nicht gesehen werden. Die Überraschung muß eine vollkommene, plötzliche sein."
"Dann singen wir unter dem Balkon," erlaubten wir uns zu erwidern.
"Bravo, bravo! Das ist eine prächtige Idee, und so machen wir’s auch," war die Antwort des Fräulein v. Ferency und des Prinzen Hohenlohe.
Es war etwa 7¾ Uhr abends, und genau um 8 Uhr sollte der Vortrag beginnen. Rasch eilten wir unter den Balkon, warfen unsere Überröcke durch das offene Fenster eines Parterrezimmers und nahmen Aufstellung unter dem Balkon, nachdem Fürst Hohenlohe uns gesagt hatte, er begebe sich jetzt um die Ecke der Villa, wo er nach dem Balkon auslugen könne. Sobald die Majestäten auf dem Balkon erscheinen würden, werde er uns ein Zeichen mit seinem Stocke geben.
Endlich war der Augenblick da. Nach dem achten Glockenschlage begann jedoch das Abendläuten. Es war ein herrlicher Sommerabend. Schon erglänzte der aufgehende Mond; Sterne funkelten am tiefblauen Firmament, und Freudenfeuer loderten auf den umliegenden Bergeshöhen. Göttliche Ruhe lag über uns, und durch die Lüfte drangen die Klänge der Abendglocken an unser Ohr.
Es wurde still, und wir hörten Tritte auf dem Balkon. Ein rascher Blick nach oben ließ uns die in schwarz gekleidete Gestalt unserer erhabenen Kaiserin gewahren; wir traten rasch und leise zurück, und nun hörten wir sprechen: "Eine entzückend schöne Nacht! – Ah! Diese herrlichen Höhenfeuer! – Das ist wunderbar!"
Es waren dies die einleitenden Worte der Kaiserin, welche den Kaiser, ihre Tochter Erzherzogin Valerie und ihren Schwiegersohn Erzherzog Franz Salvator auf den Balkon geführt hatte.
In demselben Augenblicke sahen wir auch das verabredete Zeichen an der Ecke der Villa, und nun begannen wir den Vortrag des Quartetts:

Loserlied

O, fraget nicht nach morgen,
das Heut‘ ist ja so schön!
Verstreut ins Tal die Sorgen,
laßt sie vom Wind verweh’n!

Was Eure Herzen möchten,
vertraut’s dem Loser an;
in lauschig stillen Nächten
vertraut dem Mond er’s dann.

Der dient den Englein droben
als silbernes Brevier,
woraus den Herrn sie loben
und preisen für und für.

So wird der Herr das hören,
was unten niemand weiß,
und soll er’s Euch gewähren,
gebt Euch dem Loser preis!


Nach Beendigung des Quartetts und als sich die kaiserliche Familie zurückgezogen hatte, wurden wir vom Fürsten Hohenlohe zum Haupteingange der Villa geleitet, wo bereits die Palastdame Frau Gräfin Festetics erschienen war und an uns unter tiefer Bewegung nachstehende Worte richtete:
"Ihre Majestät die Kaiserin läßt den Herren vielmals für den reizenden Vortrag des Quartetts danken und wäre gern herabgekommen, um persönlich Allerhöchst ihren Dank auszusprechen. Ihre Majestät ist jedoch in Tränen aufgelöst vor Freude und Rührung über die gelungene Überraschung."
Und uns allen, die wir an der Ausführung derselben mit tätig waren, standen Tränen in den Augen.
Welch schöne Idee! Nur ein so edles, tieffühlendes, poesievolles Gatten- und Mutterherz vermochte sie zu fassen und auszudenken.
Zu dem sternenhellen Himmel und dem nunmehr in vollstem Glanze erstrahlenden Monde gesellte sich eine Prachtillumination der in Festesfreude bewegten Stadt Ischl, und als wir die hell erleuchteten Straßen nach erfolgter Verabschiedung vom Fürsten Hohenlohe durchwanderten, hatte außer uns niemand eine Ahnung von der ergreifenden herzlichen Familienszene, die sich vor wenigen Minuten in der kaiserlichen Villa zugetragen.

Quelle: Österreichs Illustrierte Zeitung vom 7. Juni 1907


Ich denke, dass es sich bei diesem Liedervortrag um ein Hochzeitsgeschenk der Kaiserin handelte. Es steht zwar kein Datum der Aufführung in dem Artikel, aber die Einladung zur Probe erfolgte am 26. Juli 1890 und die Hochzeit von Marie Valerie mit Franz Salvator fand am 31. Juli 1890 in Ischl statt. Da liegt diese Vermutung sehr nahe.
Es wurden sicher auch nicht jeden Abend auf den Bergen um Ischl Höhenfeuer entzündet.

Liebe Grüße von waldi Bild

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BeitragVerfasst: Mi 03 Jun, 2015 6:22 

Registriert: So 26 Okt, 2014 13:31
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Hallo Waldi,

wenn Du Literarium Altaussee Kaiserin Elisabeth Bergwanderung im Ausseerland aufrufst wird ebenfalls über das Loserlied geschrieben. Dieser Artikel ist bei mir unter Geschichte zu finden.

Liebe Grüße

Isabel-Desiree


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BeitragVerfasst: Mi 01 Jul, 2015 13:15 

Registriert: So 26 Okt, 2014 13:31
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Die kais. Yacht Adler die bei der Fahrt durch den Strudengau ein Leck abbekommen hatte, war Tage vorher, am 10. September 1854 in der Schiffswerft Klosterneuburg in Anwesenheit von Erzherzog Ferdinand Max, der hohen Generalität und der Stabs- und Ober-Offiziere der hiesigen Garnison feierlich eingeweiht worden.

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